Keine Kita für alle

In den letzten Wochen wurden in vielen Kommunen die Kindergartenplätze für das kommende Kita-Jahr vergeben. Nicht alle Kinder werden einen Platz bekommen; viele Kinder und Eltern nicht ihren „Wunschplatz“ in ihrer Wunsch-Kita. Insbesondere dort nicht, wo die Nachfrage nach Kitaplätzen das Angebot übersteigt. Im Projekt „Kein Kind zurücklassen“ haben wir uns gefragt, wie sich die Auswahlprozesse auf die Zusammensetzung der Kinder in den Kitas auswirken: Wer bekommt am Ende wo einen Kita-Platz? Wie verteilen sich die Kinder über die Kitas in der Stadt? Wie ist die Zusammensetzung der Kinder in den Kitas?

Wir haben uns gemeinsam mit der Ruhr-Universität Bochum/ZEFIR die Verteilung von Kindern auf die Kitas rückblickend exemplarisch in drei nordrhein-westfälischen Kommunen (Hamm, Mülheim an der Ruhr, Gelsenkirchen) angeschaut. Die Analysen zeigen deutliche soziale und ethnische Unterschiede bei der Inanspruchnahme von Kita-Plätzen.

Insbesondere fünf Befunde stechen heraus:

  1. Sozial benachteiligte Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund besuchen erst vergleichsweise spät eine Kita.
  2. Es gibt eine ausgeprägte Kita-Segregation: arme Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund bleiben in den Kitas häufig unter sich.
  3. Die wenigsten Kinder gehen in die nächstgelegene Kita.
  4. Die Trägervielfalt bzw. Trägerstruktur in einer Kommune hat Einfluss auf die stark ungleiche Zusammensetzung der Kinder in den Kitas.
  5. Kitasegregation entsteht durch ein Zusammenspiel von Elternwahl und Auswahlpraktiken der Einrichtungen.

Die Plätze in den Kitas werden also nicht gleichmäßig von allen Bevölkerungsgruppen in Anspruch genommen; dies gilt insbesondere für den Bereich der unter 3jährigen. Viele arme Kinder, die von einem frühen Kita-Besuch profitieren würden, kommen erst vergleichsweise spät in eine Kita. Außerdem können ethnische Unterschiede festgestellt werden: Während jedes zweite Kind ohne Migrationshintergrund mit zwei Jahren eine Kita besucht, ist es nur jedes dritte Kind mit Migrationshintergrund. Erst in der Gruppe der Vierjährigen gleichen sich die Quoten jeweils an. Hinter den auffindbaren ethnischen Unterschieden liegen jedoch fast immer soziale Benachteiligungslagen, die sich in den untersuchten Kommunen stark überlagern.

In den Kitas bleiben die benachteiligten Kinder dann häufig unter sich. In den drei Kommunen schwanken die Armutsquoten der Kitas zwischen 0 und 90 Prozent. Je höher der Anteil an Kindern im Transferleistungsbezug in einer Kita, desto höher auch der Anteil an Kinder mit Migrationshintergrund. Die institutionelle Segregation übersteigt dabei die ohnehin schon vorhandene sozialräumliche Segregation. Die soziale Trennung der Kinder setzt damit schon früh ein.

Obwohl Einrichtungen verschiedener Träger häufig gleichmäßig in der Stadt verteilt sind, kann die Segregation zwischen den Einrichtungen hinsichtlich der Trägerschaft stark ausgeprägt sein. So zeigt sich für Mülheim an der Ruhr, dass vor allem die Einrichtungen in freier und konfessioneller Trägerschaft fast ausschließlich niedrige und unterdurchschnittliche Anteile an Kindern im SGB-II-Bezug aufweisen. Die Ergebnisse für Gelsenkirchen deuten in die gleiche Richtung, wenngleich hier die Kita-Segregation nach der Trägerschaft zwar deutlich, aber nicht ganz so stark ausgeprägt ist. In Hamm gibt es nur wenige Kitas in städtischer Trägerschaft, und die SGB-II-sowie die Migrantenquoten der Kitas von konfessionellen und freien Trägern sind eher von der sozialräumlichen Lage abhängig als von der spezifischen Trägerschaft der Einrichtung. Doch auch hier ist die institutionelle Segregation hoch.

Die einseitige Zusammensetzung der Kitas hat negative Folgen für die Entwicklung der Kinder, wie jüngst vom Wochenbericht des DIW bestätigt. Darüber hinaus geht es bei dieser Frage nicht allein um mögliche individuelle Entwicklungshemmnisse und -voraussetzungen. Es geht auch darum, wie unsere Gesellschaft ganz grundsätzlich aussehen soll. Eine tiefgreifende soziale Spaltung der Gesellschaft birgt langfristig die Gefahr, das gesellschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl sowie die Solidarität untereinander zu erodieren. Auf Ebene der Kitas haben es Kommunen und Träger in der Hand, diesen gesellschaftlichen Entwicklungen ein Stück weit entgegenzuwirken.

 

 



Kommentare

  1. / von Gisela Hering-Bejaoui

    Hallo Frau von Görz,
    ihre Ergebnisse aus der Studie bestätigen meine Erfahrungen in diesem Bereich. Ich leite das Amt für Soziales in der Gemeinde Hiddenhausen (19.000 EinwohnerInnen) einer kleinen kreisangehörigen Kommune im Kreis Herford. Wir haben keine eigenen städtischen Kitas, sondern nur kirchl. Träger, AWO und Elternvereine, insgesamt 12 Einrichtungen. Da mir die frühe Kitaintegration ein besonderes Anliegen ist und war, sorge ich in Kooperation mit der Zweigstelle des jobcenters bei mir auf dem Flur und den Integrationshelfern der Flüchtlingsbetreuung und Asyl dafür, das die Mütter/Eltern aus diesen Familien sehr früh angesprochen werden ihre Kinder anzumelden, u3 usw. ; wir die Anmeldung nachhalten und mit den Kitas auch abklären, dass die Kinder wohnortnah aufgenommen werden. Wir haben durch frühzeitigen Ausbau eine hohe u3 Quote und können auch nahezu alle Anfragen aufnehmen. In den anderen Kreiskommunen wird das nicht so gesehen; die wundern sich, dass wir hier alle Flüchtlingskinder aufnehmen. Auch bei vielen jobcentern ist man froh, wenn die Mütter mit u3 Kindern sich nicht melden. Das ist leider ein Teufelskreis. In den Behörden gibt es kaum ein Bewusstsein für die Problematik bzw. nicht den Willen daran etwas zu ändern. Viele Grüße Gisela Hering-Bejaoui

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